Madentherapie bei Diabetes

Biochirurgie - Eine neue Möglichkeit der Wundversorgung für Diabetiker?

Fliegenmaden können helfen, infizierte Wunden zu heilen. Dazu werden sterile Larven von Fliegen auf das Geschwür eines Patienten gesetzt und diese fressen dann das tote Gewebe. Davon sollen vor allem Diabetiker profitieren können.
Diese Methode der Heilung infizierter Wunden sollen schon die Ureinwohner Australiens und die Maya-Indianer verwendet haben. Im amerikanischen Bürgerkrieg verwendeten Ärzte offensichtlich erstmals Fliegenmaden in grösserem Stil zur Behandlung infizierter und gangränöser Wunden. Ein amerikanischer Orthopäde legte den Grundstein für die Entwicklung der Biochirurgie. William Stevenson Baer beobachtete, daß zwei schwer verwundete Soldaten mit offenen Wunden sowie Bauchverletzungen sauber granulierende Wunden hatten, obwohl sie eine Woche unversorgt auf dem Schlachtfeld vergessen worden waren, wobei ihre Wunden mit Fliegenmaden gefüllt waren. Einige Jahren später setzte Baer, mittlerweile Professor für Orthopädie, die Therapie konsequent bei Osteomyelitis (Knochenentzündung) ein, mußte aber feststellen, daß einzelne seiner Patienten an Tetanus erkrankten, so daß er die Verwendung steriler Fliegenmaden forderte. Fliegenmaden wirken nicht nur wundreinigend und wundheilungsfördernd, sondern auch offensichtlich antimikrobiell, das heißt Mikroorganismen werden abgetötet.
In den letzten Jahren erlebte diese klassische Behandlungsmethode ein Revival. Seit 1996 wurde die Wundbehandlung mit sterilen Fliegenlarven in der Unfallchirurgie Bietigheim zur Behandlung chronischer, später auch akuter Infektionen eingesetzt. Über seine Erfahrungen und die Ergebnisse berichtete Dr. Fleischmann kürzlich in einem Artikel, erschienen in "Der Chirurg".
Zwischen 10/96 und 12/98 wurden 123 Patienten mit Fliegenlarven vom Typ Lucilia sericata behandelt. Dabei handelte es sich vorwiegend um therapieresistente Wunden, in vielen Fällen war bereits eine große Gliedmaßenamputation geplant.
Die zu behandelnden Wunden wurden mit steriler Ringerlösung gereinigt und ausgedehntere Nekrosen (abgestorbenes Gewebe) mit dem Skalpell entfernt. Die unmittelbar an die Wunde angrenzende Haut wurde zum Schutz abgedeckt. Dann wurden etwa drei Maden pro Quadratzentimeter auf die Wundoberfläche aufgebracht und am Entkommen gehindert, indem ein feinmaschiges Netz über die Wunde geklebt wurde. Die optimale Behandlungsdauer beträgt drei Tage, dann müssen die Maden entfernt oder gegebenenfalls erneuert werden.
Die Gruppe mit akuten Wundinfektionen lieferte die beeindruckendsten Ergebnisse. Meist reichten ein bis zwei biochirurgische Anwendungen aus, um die Entzündungszeichen zu beseitigen und eine regelrechte Wundheilung in Gang zu setzen. Die Madenbehandlung bei Patienten mit chronischen Wunden führte zu unterschiedlichen Ergebnissen. Am besten sprachen die meist chirurgisch vorbehandelten, gangränösen Wundinfektionen beim diabetischen Fuß an. Schon etwa nach sechs Wochen waren 34 Wunden entweder vollständig abgeheilt oder soweit fortgeschritten, daß die Weiterbehandlung von einem niedergelassenen Arzt fortgeführt werden konnte. Ebenfalls eindrucksvoll war das rasche Abheilen von diabetischen Defektwunden des Fußes, die sich infolge einer verminderten Wundheilungskapazität trotz mehrwöchiger chirurgischer Behandlung immer weiter ausdehnten. Die schlechtesten Ergebnisse ergab die Madenbehandlung bei Patienten mit fortgeschrittenen Durchblutungsstörungen der Beine.
Zur Bewertung der Ergebnisse gab der Verfasser zu bedenken, daß es sich hier um ein hochgradig selektioniertes Patientenkollektiv handelte. Weiterhin fehlt für die objektive Beurteilung das Vorliegen einer therapeutischen Vergleichsgruppe und die Erfassung der Rezidivrate über einen ausreichend langen Zeitraum der Nachbeobachtung.
Insgesamt stellen akute und chronische Wundinfektionen, insbesondere diabetische Wundheilungsstörungen, eine gute Indikation für die Biochirurgie dar. Nicht zu empfehlen ist sie bei schweren Durchblutungsstörungen.
Übrigens die größte Sorge des Patienten war die Vorstellung von einer Madeninvasion in den gesunden Körper. Das ist aber aus zwei Gründen unmöglich. Einmal besitzen sie keine Beißorgane, sondern leben von der Verflüssigung toten Gewebes. Zum anderen sind sie auf die Wundoberfläche begrenzt, weil sie Luft atmen und somit immer in Verbindung mit der Außenwelt stehen müssen. Medizinisch gesehen besteht die größte Gefahr der Madenbehandlung in der Übertragung pathogener Keime. Daher ist auf die ausschließliche Verwendung steriler Maden zu achten.


Quelle: H. Wendland für Diabetes in NRW, 13.04.2000
W. Fleischmann, M. Russ, D. Moch, Ch. Marquardt: Biochirurgie-Sind Fliegenmaden wirklich die besseren Chirurgen?
Chirurg (1999 )70:1340-1346